Durch drei Heldenstädte – Von Brest über Smolensk nach Moskau

Heldenstadt war eine besondere Auszeichnung in der Sowjetunion für Städte, die sich im „Großen Vaterländischen Krieg“ in besonderer Weise verdient gemacht haben. Und wir konnten innerhalb von nur wenigen Tagen die Stadt besuchen, die als erstes ausgezeichnet wurde, nämlich Brest (1965),  und die als letztes ausgezeichnet wurde, Smolensk (1985).

Unseren beschwerlichen Weg per Anhalter aus der Heldenfestung Brest, der uns nur bis ins 30 Kilometer entfernte Kobryn führte, hatten wir ja schon im vorletzten Artikel beschrieben. Nach unseren aufgegebenen Plänen, per Anhalter zu fahren, kauften wir also ein Ticket für den Nachtzug  am Bahnhof in Kobryn. Da der Zug um kurz nach 22 Uhr abfahren sollte, waren wir so gegen 21 Uhr entspannt am Bahnhof und saßen im schönen Warteraum, bis uns eine Angestellte plötzlich etwas hektisch um halb zehn in den Zug setzten wollte, der gerade im Bahnhof stand, da dies der letzte Zug an diesem Abend sei. Unsere Antwort, dass wir auf den 22 Uhr Zug nach Smolensk warten würden, fand sie nicht ganz einleuchtend, da dies ja nun der letzte Zug sei. Ein gemeinsamer Blick auf das Zugticket förderte dann zutage, dass unser Zug nicht durch Kobryn fuhr, sondern durch einen 20 km entfernten Bahnhof. Plötzlich machte es auch Sinn, dass unser Zug gar nicht auf dem zusammengeklebten Abfahrtsplan in der Eingangshalle aufgelistet war 😉 Für kurze Zeit wähnten wir uns schon in Abschiebehaft, da unsere Visa bald ablaufen würden und wir in dieser Zeit unmöglich Russland erreichen könnten. Ein freundlicher Bahnangestellter lief dann allerdings mit uns vor dem Bahnhof herum und fragte verschiedene Privatwagen, ob Sie uns gegen Bezahlung zum nächsten Bahnhof bringen würden, und innerhalb von 5 Minuten war ein Wagen gefunden, der uns für 10 $ zum passenden Bahnhof brachte, so dass wir gerade noch unseren Zug erreichen konnten 😉

Am nächsten Morgen wurden wir dann in Smolensk von unseren nächsten Couchsurfing- Hosts am Bahnhof abgeholt. Nachdem wir uns mit unseren Rucksäcken in die russische Version eines Fiat Panda gequetscht hatten, ging es dann erst mal nach Hause, um die Sachen abzulegen, und danach hatten wir ein rundum-Betreuungs-10 Stunden-Sightseeing-Programm in Smolensk, und unsere Hosts sind sogar mit uns bis nach Katyn gefahren.

Nach einer viel zu kurzen Nacht ging es dann am nächsten Morgen mit dem Zug weiter nach Moskau, wo wir uns am Abend mit unserem neuen Host trafen, der gerade von einer französisch-polnischen Hochzeit aus Griechenland zurückkam, aber trotzdem so nett war, uns in seiner fantastischen Wohnung übernachten zu lassen, die sich gerade mal 10 Minuten Fußweg vom Kreml entfernt befindet und deren Dusche auch als UFO oder Zeitmaschine durchgehen könnte. Nach dem anstrengenden Sightseeing in Smolensk haben wir den ersten Tag in Moskau relativ entspannt angehen lassen und die Ruhe in der Wohnung, unser Host musste schon vor 8 zur Arbeit, genutzt, um mal länger auszuschlafen.

Moskau ist insgesamt eine ziemlich verrückte und doch recht aggressive Stadt. Besonders faszinierend ist der Autoverkehr. Man könnte diesen fast als eine Parabel auf das russische Verständnis von Kapitalismus verstehen. Die Autofahrer gönnen sich gegenseitig keinen Zentimeter und erscheinen wie Raubtiere, die ständig Revierstreitigkeit miteinander austragen. Wird an einer Kreuzung die Ampel rot, wird die gesamte Kreuzung danach noch einmal blockiert, so dass der Querverkehr den Weg auf die andere Seite Zentimeter um Zentimeter erkämpfen muss. Einige Mutige fahren einige Meter gegen die Fahrtrichtung, um sich dann in eine winzige Lücke zu schieben, um den Gegenverkehr aufzuhalten, so dass langsam eine Trasse für den Querverkehr gebahnt wird.

Sehr schön ist auch das Parkverhalten. Wir waren heute mit einem Trolley-Bus (Oberleitungsbus) unterwegs, bis dieser plötzlich nicht mehr weiter kam, da ein einsames Auto mit Warnblinklichtanlage einfach auf dem Busstreifen abgestellt war. Nach 15 Minuten Wartezeit und vier aufgestauten Trolley-Bussen kam dann die junge Autofahrerin vom Shopping zurück und bekam von einem verärgerten Fahrgast zunächst mal zwei Hiebe mit dem Regenschirm über.

Auch die Metro ist ziemlich brutal. An einer elektronischen Einlasskontrolle muss das Ticket entwertet werden, aber der Zugang ist durch kein Drehtor oder sonstiges abgesichert. Geht man allerdings ohne Ticket hindurch, schnellen von zwei Seiten Eisenstangen heraus, die, wenn man etwas zu schnell ist, einem ordentlich die Beine wegknüppeln. Aber zum Glück sind wir ja ehrlich 😉 Vielleicht ist ja die heroisch-militante Deko in der U-Bahn Schuld an der großen Aggressivität im Straßenverkehr.

Auch Fahrräder sieht man hier, wohl aus gutem Grund, nicht wirklich auf den Straßen, und Fahrradwege gibt es überhaupt nicht. Falls es sie doch gäbe, wären sie wahrscheinlich sowieso von den Autofahrern zu Parkplätzen umfunktioniert, ähnlich wie die meisten Gehwege.

Als Reaktion auf  diese Aggression sind die Straßen hier voller Polizisten in unterschiedlichsten Uniformen und voller privater Sicherheitsdienste, die mit ihren Uniformen auf den ersten Blick kaum von der Polizei zu unterscheiden sind. Wirklich sicherer will man sich bei diesem Aufgebot von Vertretern eines autoritären Regimes allerdings nicht fühlen.

Wie man sieht, sind wir nicht wirklich von Moskau begeistert. Der Rote Platz war eine Enttäuschung, und auch ansonsten fanden wir die Stadt nicht sehr beeindruckend. Lediglich der Besuch am Patriarchenteich, an dem die erste Szene von Meister und Margarita spielt, war ein schönes Erlebnis. Lediglich den Teufel haben wir leider nicht getroffen, auch wenn wir sicher sind, dass er immer noch unentdeckt in Moskau wohnt.

Morgen geht es für uns dann mit der transsibirischen Eisenbahn innerhalb von 4 Tagen zum Baikaalsee und wir hoffen wirklich, dass in diesem Zug die Toiletten funktionieren und aus dem Wasserhahn auch Wasser kommt. Bei unseren letzten beiden Zugfahrten war dies nicht der Fall, was nicht so sehr störte. Bei 90 Stunden Fahrzeit sieht dies allerdings doch etwas anders aus 🙂

 

Katyn

Katyn

Mit unseren Hosts im Restaurant in Smolensk

Smolensk

Stadtmauer in Smolensk und unser super Auto im Vordergrund

Ania auf unserer Couch in Smolensk

und unsere Couch in Moskau (ohne Kater, dafür mit Wifi 😉

 

Zeitmaschinen-Dusche

romantische U-Bahn Deko

U-Bahn Deko

mehr U-Bahn Deko

Ein weiterer Trolley-Bus Stau wegen Falschparker

Patriarchenteich

ja, es kann hier auch ganz nett sein 😉

...

Kremlmauer

 

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4 Antworten auf Durch drei Heldenstädte – Von Brest über Smolensk nach Moskau

  1. Nadine&Dennis sagt:

    Hey ihr beiden,
    wir lesen auch (fast) täglich gespannt mit….
    Grüße from Cologne.
    Nadine& Dennis

  2. Oma (und Karl-Heinz) sagt:

    Hallo mein Schatz und Ania,
    Wir freuen uns, dass Eure Reise zum Glück gut verläuft.
    In Gedanken sind wir bei Euch. Passt weiter auf Euch auf!
    Liebe Grüße
    Oma und Karl-Heinz
    (Ein Taschentuch ist schon feucht geworden)

  3. Martin Albrecht sagt:

    Ach, was ich noch sagen wollte:

    Herzlichen Glüchwunsch zu Eurer Hochzeit

  4. Martin Albrecht sagt:

    Hallo Ihr Beiden ,
    Interessant zu lesen , was Ihr alles so erlebt. Das nimmt Euch keiner mehr weg .
    Macht weiter so und passt auf Euch auf!
    Ich werde euch „weiterverfolgen“

    Gruß Martin