Das gespaltene Punjab II – Lahore in Pakistan

Nachdem wir am Vortag die Grenzschließungszeremonie besuchten, während der die Grenze mit tausenden Besuchern überfüllt war, bot sich uns am darauffolgenden Tag beim Grenzübertritt ein ganz anderer Anblick. Mit einem öffentlichen Bus, der mehr stand als fuhr, benötigten wir über eine Stunde für die nur 20 km lange Strecke zum Grenzort Attari. Wir betraten den indischen Grenzposten einen Kilometer hinter Attari, der wie eine kleine Geisterstadt wirkte. Alles ist auf die Abfertigung von mehreren Hundert Menschen pro Stunde eingestellt, aber in den zwei Stunden, die wir für den Grenzübertritt benötigten, trafen wir keinen einzigen Grenzgänger. Auch der benachbarte Frachtterminal lag träge in der Mittagshitze, und es rührte sich absolut gar nichts. Ein Visum für das Nachbarland ist weder für Inder noch für Pakistaner einfach zu erhalten. Falls Pakistaner dann doch ein Visum für Indien erhalten, könnte es Ihnen ergehen wie drei Geschäftsleuten aus Lahore, die vor zwei Wochen nach Indien reisten. Diese wurden dann von der indischen Polizei, die ein paar falsche Hinweise erhalten hatte, als angebliche Terroristen gesucht. Als die Geschäftsleute ihre Fotos in der Zeitung fanden, meldeten sie sich schnell bei der Polizei , um nicht Zielscheibe irgendwelcher Sondereinheiten zu werden.

Als wir das Gelände des indischen Grenzpostens betraten, wurden zunächst unsere Personalien mit allen möglichen Details per Hand in ein großes Buch aufgenommen. Ein Prozedere, das sich auf der indischen Seite noch vier Mal wiederholen sollte. Nachdem unsere Daten aufgenommen waren, durften wir ein Stück weiter in Richtung Pakistan vordringen. An der Zollstelle wurde uns erst einmal Tee angeboten und dann unser Gepäck durchleuchtet. Da die indische Bürokratie so etwas natürlich protokollieren möchte, mussten wir einen Zollerklärung ausfüllen, die zunächst vom Hauptkontrolleur und dann vom Oberaufseher unterschrieben werden musste. Die Unterschriften wurden dann von einem Soldaten, der nur drei Meter entfernt stand und alles gesehen hatte, nochmals überprüft, bevor wir das Gebäude verlassen durften. Ein kostenloser Shuttle-Bus brachte uns in Begleitung eines Soldaten zur eigentlichen Grenze.

Die Ränge, auf denen am Vortag noch tausende Menschen frenetisch ihren Nationalstolz bekundeten, waren allerdings verlassen, da uns wohl niemand zujubeln wollte. Lediglich ein paar Arbeiter waren in der sengenden Mittagshitze damit beschäftigt, das pakistanische Tor abzuschleifen, um es in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Da man anscheinend nicht auf Besuch eingestellt war, fanden wir den ersten Kontrollpunkt zunächst verlassen vor, und erst einer der Arbeiter schaffte es, einen Soldaten herbei zu rufen. Nach einer ersten Kontrolle unserer Dokumente durften wir dann weiter zum pakistanischen Grenzposten. Hier ist man technisch etwas weiter als in Indien. So gibt es elektronische Passscanner, und unsere Daten mussten nicht per Hand übernommen werden. Allerdings gab es gerade keinen Strom und da hilft dann auch der modernste Scanner nicht. In einer halben Stunde sei der Strom allerdings wieder da und wir sollten es uns so lange erst einmal gemütlich machen. In der Zwischenzeit wurde ein Geldwechsel organisiert, der unsere indischen Rupien in pakistanische umtauschte und auch ein Taxifahrer wurde für uns aufgetrieben. Der Stromausfall schien keinen weiter zu stören und nach einer halben Stunde war der Strom wie vorhergesagt wieder da.  Nach einigen Tagen in Lahore ist uns auch klar warum. Hier herrscht nämlich 12 Stunden pro Tag Stromausfall. Pünktlich zu jeder vollen Stunde verabschiedet sich der Strom oder kommt zurück. Dann stehen in Lahore alle kurz im Dunkeln, bis Autobatterien und unzählige Dieselgeneratoren anspringen, um für eine Notbeleuchtung zu sorgen. Eine der meist gestellten Fragen in Lahore war, ob Indien auch mit solchen Stromausfällen zu kämpfen habe.

Nachdem der Strom an der Grenze jedenfalls wieder verfügbar war, der Computer hochgefahren und der Passscanner einsatzbereit war, durften wir offiziell nach Pakistan einreisen. Da sonst weit und breit keine Kundschaft zu sehen war, standen ganze sieben Angestellte um den Computer herum und stempelten unsere Pässe arbeitsteilig.

Anschließend ging es dann per Taxi zu unserer Couchsurfing-Gastgeberin, die mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in einem schicken Haus wohnt, das vom Militär gebaut wurde. Das Militär in Pakistan verschlingt nämlich nicht nur einen Großteil des staatlichen Haushaltes (50 bis 80%), sondern ist auch eines der größten Unternehmen im Land. Ein Zweig dieses „Unternehmens“ beschäftigt sich mit der Entwicklung ganzer Wohngebiete, die dann zum Verkauf angeboten werden. Unsere Gastgeberin arbeitet als Eventmanagerin für eine privatwirtschaftliche Baugesellschaft. Die Familie lebt in einem schönen Haus und hat eine eigene Hausangestellte, die kocht, putzt, wäscht und auch sonst vieles im Haus erledigt. Was für ein Luxus. Ich glaube, ich möchte auch in Pakistan bleiben 🙂 Wir bekommen im Haus der Familie das wohl beste Essen, das wir auf unserer Reise probieren durften. Die pakistanische Küche ist zum einen stark durch die indische beeinflusst, zum anderen aber auch durch den mittleren Osten. Und das Unglaublichste ist, dass hier sogar Hammelfleisch schmeckt. Nach unserem Mongolei -Aufenthalt hätte ich ja geschworen, dass es nichts Übleres als Hammelfleisch gibt, aber es lag wohl doch nur an den „Kochkünsten“ der Mongolen. Somit ist auch unsere dreiwöchige Zeit als Vegetarier vorbei.

Unsere Gastgeberin ist in den letzten Jahren selber viel gereist und war erstmalig in Istanbul couchsurfen. Nun sind wir ihre ersten Gäste. Diesen Sommer wollte Sie eigentlich durch Deutschland und Europa reisen, wofür sie ein Visum bei der deutschen Botschaft beantragt hatte. Während wir bei ihr zu Besuch waren, hat sie allerdings den Ablehnungsbescheid der deutschen Botschaft erhalten. Unverschämterweise hat die Botschaft die Absage auf Deutsch verschickt und auf einem Standardformular einfach zwei von zehn Ablehnungsgründen angekreuzt. Hier heißt es lapidar:

  • „Die vorgelegten Informationen über den Zweck und die Bedingungen des beabsichtigten Aufenthalts waren nicht glaubhaft.”
  • „Ihre Absicht, vor Ablauf des Visums aus dem Hoheitsgebiet der Mitgliederstaaten auszureisen, konnte nicht festgestellt werden.”

Anschließend wird noch auf Deutsch erklärt, dass sie das Recht zur Remonstration und zur Klage vor einem Berliner Gericht habe. Wie nett. Und all das nach über zwei Wochen Wartezeit, einem persönlichen Besuch bei der Botschaft sowie der Einreichung von Einladungsschreiben aus Deutschland samt Haftungsübernahme für den Fall einer Abschiebung, Flugtickets, Einkommensnachweisen und einer Vielzahl anderer Dokumente. Gut zu sehen, dass uns die deutsche Botschaft so effizient vor bösen pakistanischen Touristen beschützt.

Die Nachmittage und Abende in Lahore haben wir jeweils mit unserer Gastgeberin verbracht und tagsüber  waren wir alleine in Lahore unterwegs. Nicht nur unsere Gastgeberin war wahnsinnig freundlich, sondern unendlich viele Menschen, die wir auf der Straße treffen, sind so freundlich und freuen sich, Ausländer in ihrem Land zu sehen. Obwohl wir von unseren Gastgebern vor den öffentlichen Bussen gewarnt wurden, da diese überfüllt, unbequem und voller Diebe seien, fuhren wir per Bus in die Innenstadt, da wir gelernt haben, solchen Ratschlägen zu misstrauen, da diese eher gewisse Klassenschranken als wirkliche Gefahren aufzeigen. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass unsere Gastgeber noch nie mit dem öffentlichen Bus unterwegs waren. Das einzig Gewöhnungsbedürftige in öffentlichen Verkehrsmitteln in Pakistan ist die Geschlechtertrennung. Frauen sitzen im vorderen  Busteil und Männer im hinteren. Gab´s das nicht in den USA mal so ähnlich? 🙂

Wir besuchten unter anderem das Lahore Museum, das eine große Sammlung zur alten Induskultur und zum Buddhismus ausstellt. Für viele pakistanische Gäste schienen wir allerdings die Hauptsehenswürdigkeit im Museum zu sein. Es wurde ein wahrhaft interaktiver Museumsaufenthalt. Es ist schon spannend, wie viele Themen man in einer halben Stunde besprechen kann: USA, Afghanistan, Bush, Obama, das iranische Atomprogramm, Hitler, die deutsche Perspektive auf Pakistan, arrangierte Hochzeiten vs. Liebeshochzeiten, ein Vergleich zwischen Pakistan und Indien usw. usw. Vor allem der letzte Punkt wird in fast jedem Gespräch angeschnitten. Was denn der Unterschied zwischen Pakistan und Indien sei. Zumindest kann ich reinen Gewissens sagen, dass Lassis (Joghurtgetränke) in Pakistan wesentlich besser schmecken als in Indien, was uns bei dem jeweiligen Gesprächspartner schon einmal Sympathiepunkte einbringt. Dass das traditionelle Gewürz-Milcheis (Kulfi) in Indien wesentlich besser schmeckt, verschweige ich geflissentlich 🙂

Nach dem Museumsbesuch sitzen wir in einem Straßenimbiss und essen zu Mittag. Wir sind noch beim Essen, als uns zwei andere Gäste beim Verlassen des Restaurants zurufen, dass unsere Rechnung bereits bezahlt und wir ihre Gäste seien. Und dann sind sie auch schon wieder weg. Unglaublich.

Für den Abend haben wir uns mit unserer Gastgeberin verabredet. Wir sind eine halbe Stunde zu früh am Treffpunkt und setzen uns auf eine kleine Mauer. Es dauert keine Minute und wir haben Gesellschaft von zwei jungen Erwachsenen, die gerne ein bisschen Englisch reden möchten. Sie wollen natürlich wissen, was Pakistan und Indien unterscheide, ob wir verheiratet seien, ob unsere Hochzeit eine Liebeshochzeit  oder arrangiert gewesen sei, und ob wir auch zusammen Alkohol trinken würden. Dann geraten die Jungs ins Schwärmen und stellen sich vor, wie sie mit ihrer zukünftigen nicht arrangierten Verlobten bei Kerzenschein Rotwein trinken. Das ist in Pakistan revolutionärer als es sich zunächst anhört, denn Alkohol ist offiziell verboten. Lediglich Ausländer und im Land lebende Christen dürfen eine besondere Alkohollizenz beantragen, mit der in teuren Restaurants Alkohol gekauft werden kann. Auch wenn es einen funktionierenden Schwarzmarkt für Alkohol gibt und eine große Zahl zu Hause Alkohol trinkt, sollte man sich nicht erwischen lassen, da drakonische Strafen drohen.

Als wir mit den Jungs noch auf der Mauer sitzen, traut sich eine erste Familie näher heran. Man möchte uns die Hand schütteln und gerne ein Foto machen. Mit dem ersten Foto brach dann der Damm und von überall her kamen Leute an, die auch ein Foto mit uns haben wollten. Unter anderem bekam Ania sogar ein Baby in den Arm gedrückt. Es wurde so voll, dass mehrere Polizisten heraneilten, um uns von der scheinbaren Belästigung zu schützen. Da wir die Leute allerdings nicht enttäuschen wollten, überzeugten wir die Polizisten davon, dass wir nicht belästigt würden und posierten zehn weitere Minuten für Fotos. Auf die Familien folgte ein älterer Mann mit langem Bart und Gebetskappe, der unbedingt wissen wollte, ob wir wirklich Schweinefleisch essen, und ob in der Bibel erlaubt werde, Alkohol zu trinken. Er sprach zwar kein Englisch, aber die beiden Jungs konnten für ihn übersetzen. Nun sind wir nicht gerade bibelfest, aber wir improvisierten einfach ein bisschen. Wäre ja nicht das erste Mal, dass man über ein Buch redet, das man nicht gelesen hat. Er scheint jedenfalls zufrieden und bedankt sich ganz herzlich für die Informationen und das Gespräch. Mir kommt dabei der Gedanke, dass Laien öfter den religiösen Dialog führen sollten, da die durch allgemeine Vernunft verdeckte Unkenntnis eher das Verbindende als die marginalen Unterschiede herausstellt.

Mit unserer Gastgeberin im Fort in Lahore

Das nicht mehr benutzte Brieftauben-Postamt im Fort, das heute von den Tauben für andere Zwecke genutzt wird.

Lahore Fort (Shahi Qila)

Sonnenuntergang über der Badshahi Moschee

Badshahi Moschee

Minar-i-Pakistan. Nationaldenkmal, das man leider nicht mehr erklettern kann, da es bei Selbstmördern populär wurde. Ist ja auch eine suboptimale Symbolik, wenn sich Selbstmörder gerade vom Nationaldenkmal stürzen. Im Vordergrund laufen Sonntag nachmittags eine Vielzahl von Cricket-Spielen nebeneinander ab.

Ein etwas vernachlässigtes Haus in der Altstadt von Lahore

Neben vielen amerikanischen Fastfood Ketten gibt es auch kreative Abwandlungen.

Sunehri Moschee in der Altstadt von Lahore

Einer unserer Lieblingsplätze in Lahore: Wazir Khan Moschee

 

Wohnhäuser und Moschee gehen in der engen Altstadt nahtlos ineinander über.

 

Badshahi Moschee bei Nacht

mit unseren Gastgebern

Im Haus von Iqbal, dem Erfinder Pakistans

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2 Antworten auf Das gespaltene Punjab II – Lahore in Pakistan

  1. Dominik sagt:

    Liebe Amna,
    ich wünsche Ihnen viel Spaß in Pakistan. In Bezug auf Couchsurfing würde ich Ihnen raten, es einfach auszuprobieren. Wir haben bisher nur eindrucksvolle Erfahrungen gemacht und Couchsurfer in allen Altersgruppen getroffen. Geben Sie ein offenes Couchgesuch für die jeweilige Stadt auf und in Pakistan können Sie sogar zwischen den vielen Einladungen wählen !!!

  2. Amna Shukri sagt:

    Hallo,
    Superbericht. Ich fahre nämlich im Okt. d.J. nach Pakistan, zunächst mit eienr Gruppe den Karakorum-Highway, dann bleibe ich noch ca. 5 Tage in Lahore.
    Meinen Sie, dass ich auch Couchsurfing machen kann, bin bereits 68 Jahre alt, reise sehr viel, meist allein (insbes. in der arabischen Welt), ansonsten mit einer Kleingruppe, wobei ich dann immer länger am letzten Ort, wenn interessant, bleibe.
    Da die Medien Pakistan immer als „böse“ darstellen, hilft Ihr Bericht sehr, der negativen Propaganda entgegen zu wirken. Leider hat sich eine Bekannte davon zurückschrecken lassen, so dass ich dann eben alleine in Lahore bin.
    Es grüßt Amna