{"id":2157,"date":"2012-05-14T18:35:14","date_gmt":"2012-05-14T18:35:14","guid":{"rendered":"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/?p=2157"},"modified":"2019-02-16T19:16:53","modified_gmt":"2019-02-16T19:16:53","slug":"eine-woche-freiwilligenarbeit-im-land-der-gegensatze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/2012\/05\/14\/eine-woche-freiwilligenarbeit-im-land-der-gegensatze\/","title":{"rendered":"Eine Woche Freiwilligenarbeit im Land der Gegens\u00e4tze"},"content":{"rendered":"<p>Nach unserer einw\u00f6chigen Rundtour nach Agra und Varanasi kamen wir Freitag Morgen mit dem Nachtzug wieder in Delhi an. Dort blickten wir, wie so oft in den letzten zwei Wochen, in die M\u00fcndung eines hinter Sands\u00e4cken verbarrikadierten Maschinengewehrs. Nach der terroristischen Attacke auf Mumbay im Jahr 2008 hat man sich scheinbar in allen wichtigen St\u00e4dten auf ein terroristisches Bedrohungszenario eingestellt, das schwere Stra\u00dfenk\u00e4mpfe mit Terroristen vorsieht. Besonders stark ist die Altstadt von Varanasi bewacht. Alle 20 Meter finden sich Gruppen von Polizisten, und w\u00e4hrend der abendlichen Zeremonie am Gangesufer sind zus\u00e4tzlich noch voll ausger\u00fcstete Soldaten zur Stelle. Auch jeder Eingang zur Metro in Delhi wird durch eine mit Sands\u00e4cken befestigte Stellung gesch\u00fctzt. Einem internationalen Trend folgend, m\u00fcssen alle Passagiere durch einen Metalldetektor und Durchsagen warnen vor unbeachteten Gep\u00e4ckst\u00fccken. Selbst ein Spielzeug k\u00f6nnte eine Bombe enthalten. Aha, gut zu wissen. Ein als Lego getarnter Plastiksprengstoff in Kofferform w\u00e4re doch mal innovativ. Ich frage mich jedenfalls, ob dieses Riesenaufgebot an schweren Waffen nicht etwas \u00fcbertrieben und eher dem Budgetanspruch von Polizei und Milit\u00e4r geschuldet ist.<\/p>\n<p>Nun gut. Am Bahnhof in Delhi angekommen, machen wir uns auf den Weg zu unserem Heim f\u00fcr die n\u00e4chste Woche. Wir wollen in einer Schule einer kleinen Nichtregierungsorganisation helfen, die sich der Bildung sowie der St\u00e4rkung der Frauenrechte verschrieben hat. Um die im westlichen Innenstadtbereich gelegene Schule zu erreichen, m\u00fcssen wir uns zun\u00e4chst samt Gep\u00e4ck in die Metro zw\u00e4ngen. Hierbei muss man wissen, dass Inder, einige der wohl freundlichsten Menschen auf diesem Planeten, in Wettbewerbssituationen um knappe G\u00fcter nicht mehr wiederzuerkennen sind. \u00c4hnlich dem unauff\u00e4lligen Bruce Banner, der sich in den wutschnaubenden Hulk verwandelt, verf\u00e4llt selbst der freundlichste Inder beim Schlange stehen oder beim gewaltsamen Betreten der Metro in einen Rausch. Erstaunlich ist dabei, dass gerade die weiblichen Vertreter der Gattung eine besondere Gewaltbereitschaft und Dreistigkeit an den Tag legen. Vielleicht ein Ventil f\u00fcr die gesellschaftliche Unterdr\u00fcckung.<\/p>\n<p>Wir schaffen es jedenfalls bis zur richtigen Metrostation und nehmen dann eine Fahrradrickshaw, bis auch diese nicht mehr weiter kann. Die letzten f\u00fcnf Minuten m\u00fcssen wir dann durch die engen holprigen Gassen des Wohnviertels laufen. Entlang der unebenen und teilweise nur zwei Meter breiten Wege schl\u00e4ngeln sich kleine Gesch\u00e4fte aneinander. Auf den Wegen liegt M\u00fcll und die Luft ist voller Fliegen. Indem wir mit geschlossenem Mund sprechen, schaffen wir den Weg, ohne eine einzige zu verschlucken. Viele Menschen nicken uns freundlich zu und Kinder nutzen das seltene Erscheinen von Ausl\u00e4ndern in ihrem Viertel, um ihre Englischkenntnisse anzuwenden. Zu mehr als \u201eWhat is your name\u201c reicht es meist allerdings nicht. Das gesamte Wohnviertel existiert f\u00fcr die Beh\u00f6rden offiziell gar nicht, da es ungesteuert wuchs und f\u00fcr kein einziges Haus eine Baugenehmigung erteilt wurde. Es gibt allerdings flie\u00dfend Wasser und auch eine Art Kanalisation.<\/p>\n<p>Wir wollten diese Woche im \u00e4rmeren, wenn auch bei weitem nicht \u00e4rmsten Teil Indiens verbringen, um nach unserer Couchsurfing-Erfahrung im kastenbewussten Indien der oberen Mittelschicht noch ein anderes Indien kennenzulernen. Die Nichtregierungsorganisation, bei der wir die Woche verbrachten, besteht haupts\u00e4chlich aus einem Ehepaar, das der Religionsgemeinschaft der Sikh angeh\u00f6rt. Raju arbeitet als Immobilienmakler und seine Frau Sonu bietet morgens und nachmittags kostenlose Hausaufgabenhilfe und Englischunterricht\u00a0 an. Raju und Sonu leben mit ihrem siebenj\u00e4hrigen Sohn nur wenige Gehminuten von der Schule entfernt, die im Haus von Raju\u00b4s Vater untergebracht ist. Finanziert wird das ganze von Sonu und Raju, die 10% ihres Einkommens daf\u00fcr verwenden, und weiteren regelm\u00e4\u00dfigen Spendern. Neben der Arbeit in der Schule versucht sich Sonu auch f\u00fcr Frauenrechte einzusetzen. Es geht dabei zum einen um hinduistische Frauen, die das Haus \u00fcberhaupt nicht verlassen, sich an der Haust\u00fcr lediglich vollverschleiert zeigen d\u00fcrfen und oft Opfer h\u00e4uslicher Gewalt werden. Zum anderen geht es um die Praxis der Hochzeitsmitgift durch die Brauteltern.<\/p>\n<p>Sonu erz\u00e4hlte uns von einer Bekannten, die sie zur Brautschau vorbereiten musste. Besteht ein Interesse an einer Hochzeit von Seiten der Braut sowie der Br\u00e4utigameltern, l\u00e4dt die Brautfamilie zur Brautschau. Die potenzielle Braut wird hergerichtet und dann in der Mitte es Raumes pr\u00e4sentiert. Zun\u00e4chst betreten die m\u00e4nnlichen Verwandten des Br\u00e4utigams den Raum. Sie l\u00f6chern die Braut mit intimsten Fragen, testen ihre Bildung und bewerten ihr\u00a0 \u00c4u\u00dferes. Dazu muss die Braut Schau laufen, um eventuelle Gehfehler aufzudecken. Danach betreten die weiblichen Verwandten des potenziellen Br\u00e4utigams den Raum, die auch schon mal an der Braut herumfummeln d\u00fcrfen, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung ist. Im Anschluss setzen sich die Familien bei einem gro\u00dfen Fest zusammen, das von der Familie der Braut gegeben wird und verhandeln \u00fcber die H\u00f6he der Mitgift. Erscheint der Familie des Br\u00e4utigams das Gesamtpaket nicht attraktiv genug, platzt das Gesch\u00e4ft und die Suche beginnt von vorne. Da dies alles ziemlich teuer ist, sparen sich Eltern alle m\u00f6glichen Ausgaben f\u00fcr ihre T\u00f6chter. Es wird an Kleidung, Spielzeug und Bildung gespart und daf\u00fcr lieber in den Sohn investiert. Frauen, die einen Sohn auf die Welt bringen, werden wochenlang umsorgt; wird hingegen eine Tochter auf die Welt gebracht, beginnt am n\u00e4chsten Tag der Alltag.<\/p>\n<p>Die Hochzeit von Sonu und Raju selber war auch arrangiert. Raju erz\u00e4hlt , dass er mit 25 nicht mehr vor seinen Eltern habe davon laufen k\u00f6nnen und seiner Mutter versprochen habe, die Frau zu heiraten, die sie f\u00fcr ihn aussuche. Er wolle die Frau nicht einmal vorher sehen. \u00c4hnlich verhielt es sich bei Sonu, die zu der Zeit gerade 22 war. Sie sind mittlerweile 10 Jahre verheiratet und scheinen auch relativ gut zusammenzupassen. Es geht ihnen auch nicht darum, arrangierte Hochzeiten insgesamt abzuschaffen, sondern um die Mitgift und die Stellung von M\u00e4dchen in der Familie. Auf die Frage, ob ihr eigener Sohn sich selber eine Frau aussuchen soll, oder ob sie dies f\u00fcr ihn \u00fcbernehmen, sind sie sich allerdings nicht so ganz einig. Man wolle ihn nat\u00fcrlich entscheiden lassen. Aber dann merkt Raju noch an, dass man nat\u00fcrlich auch wolle, dass er eine vern\u00fcnftige Frau finde, und die k\u00f6nnten die Eltern nat\u00fcrlich am besten finden \ud83d\ude42 Wir wurden jedenfalls bereits vorsorglich zur Hochzeit eingeladen, auch wenn es dem siebenj\u00e4hrigen Sohn sichtbar nicht gefiel, dass bereits seine Hochzeit geplant wurde.<\/p>\n<p>In der Schule \u00fcbernachten wir auf einer Empore \u00fcber dem Schulraum und helfen morgens und nachmittags beim Unterricht. Es sind zur Zeit nicht sehr viele Kinder anwesend, da in der n\u00e4chsten Woche die Sommerferien beginnen und viele Kinder bereits in den Herkunftsd\u00f6rfern der Eltern sind. Die Kinder in der Schule sind bunt zusammen gew\u00fcrfelt. Die Altersspanne reicht von 2 bis 15 Jahren und die Kenntnisse unterscheiden sich noch st\u00e4rker. Die meisten Kinder besuchen eine regul\u00e4re Schule und kommen hierher, um ihre Hausaufgaben zu erledigen, zus\u00e4tzlichen Sprachunterricht zu erhalten oder zu lesen. Zu denjenigen, die keine regul\u00e4re Schule besuchen, geh\u00f6rt ein zehnj\u00e4hriger Waisenjunge, dessen Fall die Idiotie der indischen B\u00fcrokratie in besonderem Ma\u00dfe verdeutlicht.<\/p>\n<p>Mit B\u00fcrokratie und dem \u00dcberwachungsstaat kommt man auch als Tourist in Indien in gewissem Ma\u00dfe immer wieder in Kontakt. Beim Ausf\u00fcllen sinnloser Registrierungsformulare in Hotels, beim Couchsurfen und im Internetcafe. Ausweisnummer, Visanummer, Telefonnummer, Adresse im Heimatland, Passnummer, n\u00e4chster Aufenthaltsort, letzter Aufenthaltsort und so weiter und so weiter. Das wird die nachtr\u00e4gliche Verfolgung b\u00f6ser Terroristen extrem vereinfachen. Ein Terrorist mit dem Namen Hein Bl\u00f6d, wohnhaft auf dem R\u00fcbenacker 77e in Panama und Ausweisnummer Qwert, der in Delhi \u00fcbernachtete und im Internet mit Kapit\u00e4n Blaub\u00e4r kommunizierte, plant nach Tacka-Tucka-Land zu reisen, um sich dort mit Dr. Snuggles zu treffen. Mit diesen detaillierten Informationen sollte die Festnahme ein Kinderspiel sein. L\u00e4dt die indische B\u00fcrokratie den gemeinen Reisenden eher zum Schmunzeln ein, ist der erw\u00e4hnte Fall des Waisenjungen nicht wirklich lustig. Mit Hilfe von Sonu wollte dieser sich in einer Schule anmelden. Indien kennt zwar keine Schulpflicht, aber zumindest ein Recht auf Bildung. Bei der Anmeldung machte der Junge allerdings den Fehler, anzugeben, dass er einen \u00e4lteren bereits vollj\u00e4hrigen Bruder habe. Daher \u201emusste\u201c die Schule eine Zulassung zun\u00e4chst ablehnen. Man k\u00f6nne ihn n\u00e4mlich nur zur Schule anmelden, wenn sein Bruder pers\u00f6nlich vorbeikomme und die n\u00f6tigen Anmeldungsformulare unterschreibe. Nun wohnt der Bruder allerdings in einer anderen Stadt, muss hart arbeiten, um zu \u00fcberleben und scheint auch kein wirkliches Interesse an seinem Bruder zu haben. Die B\u00fcrokratie zeigt sich allerdings unerbittlich und l\u00e4sst eine Anmeldung ohne Unterschrift des \u00e4lteren Bruders nicht zu.<\/p>\n<p>Den unterrichtsfreien Sonntag wollten wir eigentlich nutzen, um die touristischen Sehensw\u00fcrdigkeiten Delhis zu erkunden. Wir standen fr\u00fch auf und besuchten zun\u00e4chst das Rote Fort. Das Fort war derma\u00dfen unspektakul\u00e4r und heruntergekommen, dass wir danach keinerlei Bedarf nach mehr Sehensw\u00fcrdigkeiten versp\u00fcrten. Dazu kam die unglaubliche Hitze, die uns schon um 9 Uhr morgens l\u00e4hmte. Was also tun? Wir fassten den Plan, der Hitze in einem klimatisierten Kinosaal zu entkommen. Schlie\u00dflich hatten wir geh\u00f6rt, dass ein Kinobesuch in Indien ein ganz besonderes Erlebnis sein sollte, und wir hatten uns noch nie einen drei Stunden Bollywood-Film angesehen. Das Ticket kostete sogar unter einen Dollar, doch stellten wir zu unserem Erschrecken fest, dass der Kinosaal nicht klimatisiert war und wir weiter in unserem eigenen Saft schmoren mussten. Der Film hatte schon angefangen, und wir tasteten uns in absoluter Dunkelheit durch den Kinosaal, bis wir zwei freie Pl\u00e4tze fanden. Es war ein atemberaubendes Erlebnis, wobei uns nicht nur die Hitze den Atem raubte. Es scheint schwer, einen indischen Film einem Genre zuzuschreiben. Es war eine wilde Mischung aus Actionfilm, Romanze, Kom\u00f6die und Musical. In einem Moment schlachteten pakistanische Terroristen hinterh\u00e4ltig einen St\u00fctzpunkt der indischen Armee im Himalaya ab, und im n\u00e4chsten Moment k\u00e4mpfte ein indischer Geheimpolizist um das Herz seiner Angebeteten, die zuerst nichts von ihm wissen m\u00f6chte, was sich dann auf wundersame Weise schnell \u00e4ndert. Beim ersten Kaffee, den das junge P\u00e4rchen gemeinsam trinkt und sich in die Augen starrt, begann sich die Kamera derma\u00dfen schwindlig zu drehen, dass man sich fragte, ob hier der erste Geschlechtsverkehr anhand zweier sich ber\u00fchrender Kaffeetassen symbolisiert werden soll. Um an diesem Eindruck auch ja keine Zweifel aufkommen zu lassen, explodierte an einem Nachbartisch eine Flasche, aus der sprudelnde Fl\u00fcssigkeit schoss, und am anderen Nachbartisch schmierte man sich gegenseitig Eis ins Gesicht. Dann pl\u00f6tzlich begannen alle zu tanzen und zu singen. Diese Tanzszene zog sich \u00fcber 10 Minuten und \u00fcber unterschiedliche Schaupl\u00e4tze in der Stadt hin und zwischendurch fing es auch noch an zu regnen, um einen Misses-wet-T-Shirt Effekt zu erzeugen. Aber die H\u00fcllen blieben nat\u00fcrlich oben. In Indien ist man schlie\u00dflich noch anst\u00e4ndig. Dann wurde auch schon geheiratet (mich w\u00fcrde interessieren, ob es einen indischen Mainstream Film gibt, in dem nicht geheiratet wird). Danach waren allerdings auch wieder die pakistanischen Super-Terroristen zur Stelle, die gleichzeitig unz\u00e4hlige Attacken vorbereiten.<\/p>\n<p>Ganz so gef\u00e4hrlich wie im Film ist es in Indien dann zum Gl\u00fcck doch nicht, allerdings auch nicht ganz so romantisch. Dass Inder in Wirklichkeit gar nicht so viel tanzen, ist uns ja bereits auf der Hochzeit aufgefallen. Dass jeder K\u00f6rperkontakt zwischen M\u00e4nnern und Frauen in der \u00d6ffentlichkeit tabu ist, machte eine Geschichte deutlich, die uns Sonu erz\u00e4hlte. Zwei Couchsurfer, die in ihrer Schule hospitierten, gaben sich vor den Augen der Kinder einen kurzen Kuss. In den n\u00e4chsten Tagen blieben 20 M\u00e4dchen aus der Schule weg, da die Eltern sie nicht einer solch z\u00fcgellosen westlichen Kultur ausgeliefert sehen wollten.<\/p>\n<p>Im krassen Gegensatz dazu steht die, positiv ausgedr\u00fcckt, wenig charmante Flirttechnik indischer M\u00e4nner, die sich wohl nur in einem unter Frauenmangel leidenden Land, in dem sogar 80% der\u00a0 st\u00e4dtischen Frauen vorehelichen Sex ablehnen und zu viele westliche Pornos im Umlauf sind, entwickeln konnte. Meine nur die Tatsache, dass Ania sich mit ihrem Profil in Delhi anmeldete, reichte aus, um ihr mehrere Einladungen zum Abendessen einzubringen, eine davon von einem \u201eprofessionellen Bollywood T\u00e4nzer und Businessman\u201c. Die meisten indischen M\u00e4nner haben allerdings klare Fantasien, wie solch ein Abendessen endet \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Im Kinofilm jedenfalls jagte der frisch verheiratete Geheimpolizist gerade Pakistanis in einer wilden Autojagd durch die halbe Stadt, und als er endlich einen erledigt hatte, brandeten unter den Zuschauern spontaner Applaus und Freudenschreie auf. Generell ist Kino in Indien eine viel kommunikativere Angelegenheit. Es wird gelacht, applaudiert, und wenn ein Handy klingelt, wird einfach ins Telefon geschrien. Der Film ist ja schlie\u00dflich so laut und das Gegen\u00fcber k\u00f6nnte einen sonst nicht h\u00f6ren. \u00a0Als die Terroristen im Film gerade ein Flugzeug entf\u00fchrten, in dem die Ehefrau des Geheimpolizisten als Stewardess arbeitete, wurde der Film f\u00fcr eine kleine Pause unterbrochen. Wir verlie\u00dfen das Kino an dieser Stelle, zum einen, da es einfach zu hei\u00df war. Zum anderen f\u00fcrchteten wir, nach weiteren 90 Minuten nur noch aus dem Kino schwimmen zu k\u00f6nnen, da unser Sitznachbar bereits eine beachtliche Pf\u00fctze auf den Boden gerotzt hatte.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag wollten wir nach dem morgentlichen Unterricht nach drau\u00dfen gehen, um einige Besorgungen zu machen, allerdings wurde uns geraten, die n\u00e4chste Stunde im Haus zu bleiben. Ein Nachbar war gestorben und sein Leichnam war gerade auf dem Weg zu seinem Haus. Die kleinen Gesch\u00e4ft in der Stra\u00dfe hatten alle geschlossen, es wurden Blockaden aufgestellt, so dass keine Motorr\u00e4der hindurch kamen, und es versammelte sich eine gro\u00dfe Menschenmenge vor dem Haus des Verstorbenen. Uns wurde erkl\u00e4rt, dass Personen, die nicht zur Gemeinschaft geh\u00f6ren, solche Veranstaltungen meiden oder zumindest niemandem in die Augen schauen sollten, da die Menschen an eine Art b\u00f6sen Blick glauben, der Unheil bringe. Wir blieben also im Haus, bis der K\u00f6rper ankam und dann schlie\u00dflich zur Verbrennung gebracht wurde. Diesen und den gesamten folgenden Tag sa\u00df dann eine Gruppe von Frauen auf der Stra\u00dfe vor dem Haus, um zu trauern. Der Nachbar war erst 25 Jahre alt und starb wegen langj\u00e4hrigen Missbrauchs billigen Alkohols. Er hinterl\u00e4sst seine erst 26\u00a0 Jahre alte Frau und zwei kleine Kinder, die im Haus ihrer Schwiegermutter leben. Sie hat keine eigene Einkommensgrundlage, da sie keine Schule besuchte, und zu ihren eigenen Eltern kann sie\u00a0 auch nicht zur\u00fcck. Als die Schwiegermutter diesbez\u00fcglich bei ihren Eltern anfragte, bekam sie die Antwort, dass die Tochter jetzt ihr geh\u00f6re und sie\u00a0 mit ihr machen k\u00f6nne, was sie wolle (das erkl\u00e4rt wohl auch die Praxis der Witwenverbrennungen in Indien). Die Witwe kann auch nicht wieder heiraten, da sie dann aus der Gesellschaft ausgeschlossen w\u00fcrde. Au\u00dferdem w\u00fcrde sie h\u00f6chstens einen Mann finden, der nur sie und nicht ihre Kinder annimmt. Im Vergleich dazu erscheint das islamische soziale Sicherheitsnetz der Mehrfachheirat eines Mannes mit mehreren Frauen gar nicht mehr so barbarisch \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag lernte ich vor dem Gesch\u00e4ft unseres Wasser- und S\u00fc\u00dfigkeitendealers \u00a0eine junge Frau kennen, die ein f\u00fcr dieses Wohnviertel au\u00dfergew\u00f6hnlich gutes Englisch spricht. Sie ist Anfang 20, seit ihrem 17. Lebensjahr verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Es \u00fcberrascht mich, dass sie kein Problem darin sieht, \u00f6ffentlich mit einem anderen Mann zu sprechen. Wahrscheinlich ist ihr Ehemann weit genug weg \ud83d\ude42 Wir treffen sie die n\u00e4chsten Tage noch \u00f6fter auf der Stra\u00dfe und sie kommt uns auch in der Schule besuchen. Wir schlagen ihr vor, in der Schule von Zeit zu Zeit auszuhelfen, da sie so gut Englisch spricht, aber da w\u00fcrde ihr Mann wohl nicht zustimmen. Wir geben ihre Telefonnummer trotzdem an Sonu weiter. So schnell werden sich Sonu und Raju, denen es vor allem um einen Mentalit\u00e4tswandel bei den Menschen geht, nicht geschlagen geben.<\/p>\n<p>Eine Woche sp\u00e4ter verabschieden wir uns von den Sch\u00fclern und bekommen auch ein Helferurkunde ausgeh\u00e4ndigt, die typisch indisch mit drei verschiedenen Stempeln versehen ist. Man muss ja nicht gleich die gesamte Gesellschaft auf den Kopf stellen.<\/p>\n<p>Die folgenden Bilder stammen nicht von uns, sondern von Simonka.<\/p>\n<div id=\"attachment_2175\" style=\"width: 779px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2175\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2175\" title=\"IMG_8283\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8283.jpg\" alt=\"\" width=\"769\" height=\"513\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8283.jpg 769w, https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8283-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 769px) 100vw, 769px\" \/><p id=\"caption-attachment-2175\" class=\"wp-caption-text\">Impressionen aus der Schule<\/p><\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2176\" title=\"IMG_8291\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8291.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"855\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8291.jpg 570w, https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8291-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><\/p>\n<div id=\"attachment_2177\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2177\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2177\" title=\"IMG_8355\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8355.jpg\" alt=\"\" width=\"570\" height=\"855\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8355.jpg 570w, https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8355-200x300.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 570px) 100vw, 570px\" \/><p id=\"caption-attachment-2177\" class=\"wp-caption-text\">Schulraum mit Aufgang zu unserer Empore<\/p><\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2178\" title=\"IMG_8357\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8357.jpg\" alt=\"\" width=\"855\" height=\"570\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8357.jpg 855w, https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8357-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 855px) 100vw, 855px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2179\" title=\"IMG_8361\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8361.jpg\" alt=\"\" width=\"855\" height=\"570\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_8361.jpg 855w, 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