{"id":2075,"date":"2012-05-01T19:31:01","date_gmt":"2012-05-01T19:31:01","guid":{"rendered":"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/?p=2075"},"modified":"2019-02-16T19:17:09","modified_gmt":"2019-02-16T19:17:09","slug":"schnitzeljagd-in-delhi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/2012\/05\/01\/schnitzeljagd-in-delhi\/","title":{"rendered":"Schnitzeljagd in Delhi"},"content":{"rendered":"<p>In vier Tagen Delhi haben wir keine einzige Sehensw\u00fcrdigkeit n\u00e4her zu Gesicht bekommen. Statt dessen waren wir per Rickshaw auf Schnitzeljagd, oder besser gesagt auf drei Schnitzeljagden.<\/p>\n<p><strong>1. Schnitzeljagd \u2013 Die Jagd nach dem Zugticket<\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte geneigt sein, uns nach der Lekt\u00fcre der folgenden Abschnitte f\u00fcr etwas minderbemittelt zu halten. Zu unserer Verteidigung muss allerdings angef\u00fchrt werden, dass wir aufgrund der unglaublichen Freundlichkeit der normalen Inder geneigt waren zu vergessen, dass es auch ein anderes Indien gibt. Dieses andere Indien sieht keinen Unterschied zwischen Milchk\u00fchen und Touristen. Beide Gattungen werden nicht geschlachtet, dies ist aber auch das einzige, was vom Leben erwartet werden kann.<\/p>\n<p>Unsere Mission bestand darin, Zugtickets im International Tourist Bureau zu kaufen, das sich nach Angaben unseres sechs Jahre alten Reisef\u00fchrers im ersten Stock des Bahnhofs befinden sollte. Gleichzeitig warnte der Reisef\u00fchrer vor Schleppern, die die Touristen in nahe gelegene Reiseb\u00fcros umleiten wollen. Wir mussten genau zu diesem International Tourist Bureau, da Indien, das Weltzentrum der positiven Diskriminierung, ein Sonderkontingent f\u00fcr alle m\u00f6glichen Menschengruppen, darunter auch ausl\u00e4ndische Touristen, bereith\u00e4lt. Dieses Ticketkontingent wird in Delhi in diesem B\u00fcro verkauft. Dabei wurden wir so gr\u00fcndlich ver******, dass es uns erst am n\u00e4chsten Tag auffiel. Eine geradezu virtuose Inszenierung. Das Ganze lief folgenderma\u00dfen ab:<\/p>\n<p>1. Wir k\u00e4mpfen uns den Weg durch den \u00fcbervollen Bahnhof. Ein Inder kommt von der Seite an und fragt, ob wir Tickets kaufen m\u00f6chten und weist uns den Weg. Wir sind angenervt, da wir ihn f\u00fcr einen Schlepper halten. Dann zeigt er allerdings nur noch auf die Treppe im linken Bahnhofsfl\u00fcgel und verabschiedet sich. Wir haben nat\u00fcrlich Schuldgef\u00fchle, da wir sofort annahmen, dass er uns zu einem Reiseb\u00fcro f\u00fchren will. Statt dessen hat er uns nur den Weg zu einer Treppe im linken oberen Stockwerk gezeigt. Genau dort soll ja auch das Ticketb\u00fcro sein.<\/p>\n<p>2. Wir kommen in den ersten Stock, wo sich Schlafs\u00e4le und \u00dcbernachtungszimmer f\u00fcr Zugreisende befinden. Auf einem Stuhl vor einem Schlafsaal sitzt jemand (wir hielten ihn f\u00fcr den Manager des Bahnhofhotels), der uns gleich anspricht und helfen m\u00f6chte. Es stimme, dass das Ticketb\u00fcro hier gewesen sei, aber mittlerweile sei es in die Touristeninformation umgezogen. Auf unserer Karte, auf der die offiziellen Touristenb\u00fcros verzeichnet sind, markiert er eine in der Innenstadt. Wir unterhalten uns noch ein bisschen freundlich, und da der Bahnhof so voll ist, zeigt er uns freundlicherweise \ud83d\ude42 den Weg zu einem Nebenausgang. Wir sollten aber auf keinen Fall mehr als 20 Rupien f\u00fcr die Rickshaw bezahlen und uns nur zum offiziellen Touristenb\u00fcro bringen lassen.<\/p>\n<p>3. Am Ausgang warten direkt mehrere Rickshaw Fahrer, denen wir auf der Karte das markierte Touristenb\u00fcro zeigen, das diese (nat\u00fcrlich) kennen und versichern, uns zur offiziellen Stelle zu bringen.<\/p>\n<p>4. Wir fahren allerdings an der Adresse des offiziellen B\u00fcros vorbei und halten an einem nicht ganz so \u201eoffiziellen\u201c Touristenb\u00fcro, was sogar uns in diesem Moment klar war. Wir gehen trotzdem hinein, da wir auch bereit sind, einen Aufpreis f\u00fcr die Tickets zu bezahlen, wenn das B\u00fcro die Tickets schnell organisieren kann und wir nicht weiter herumsuchen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>5. Der freundliche Berater m\u00f6chte sich allerdings nicht damit begn\u00fcgen, uns Zugtickets zu verkaufen. Er sieht nat\u00fcrlich gerne nach, ob es noch Tickets gibt und zeigt uns den Computerbildschirm. \u201eLeider\u201c seien alle Tickets bereits ausverkauft. Statt dessen versuchte er uns gleich ein ganzes Paket mit Privatauto und Hotelbuchungen zu verkaufen, was sowieso viel bequemer und sicherer sei &#8230;<\/p>\n<p>6. Wir laufen zum offiziellen Touristenb\u00fcro, wo man nichts davon wei\u00df, dass Tickets hier verkauft werden sollen und man schickt uns zum Bahnhof (International Tourist Bureau, erster Stock). Aaargh.<\/p>\n<p>7. Wir kommen dieses mal an einer ganz anderen Bahnhofseite mit einem anderen Bahnhofsgeb\u00e4ude an und sind etwas verwirrt. Beim Versuch, den Bahnhof zu betreten, werden wir am Sicherheitscheck nach unseren Tickets gefragt. Man d\u00fcrfe den Bahnhof nur mit Tickets betreten. Der vermeintliche Bahnmitarbeiter (mit Bahn Anstecknadel) bringt uns dann zu einem Ticketoffice, an dem man Tickets f\u00fcr Z\u00fcge kaufen kann, die in den n\u00e4chsten Stunden abfahren. Andere Tickets k\u00f6nne man in diesem Bahnhofsgeb\u00e4ude nicht kaufen, sondern im offiziellen Touristenb\u00fcro in der Innenstadt. \u201e???\u201c Er markiert in unsere Karte ein anderes offiziell eingezeichnetes Touristenb\u00fcro. Wir sind ratlos. Da wir uns allerdings immer noch nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass gestern drei Schlepper zusammengearbeitet haben, gehen wir davon aus, dass gestern einfach nur das falsche Touristenb\u00fcro markiert wurde.<\/p>\n<p>8.Der \u201eBahnmitarbeiter\u201c verhandelt auch einen g\u00fcnstigen Fahrpreis mit einem Fahrer, der sich erst (was f\u00fcr ein Schauspieltalent) weigert, Ausl\u00e4nder f\u00fcr einen so niedrigen Preis zu bef\u00f6rdern, uns dann aber doch mitnimmt. Clevere Bastarde. Als uns der Fahrer pers\u00f6nlich bis in das B\u00fcro bringt, ist auch uns wieder klar, was gespielt wird.<\/p>\n<p>9. Wir fragen trotzdem nach Bahntickets, und alles verl\u00e4uft so wie beim letzten mal. Nein, wir m\u00f6chten keine zwei Wochen All-Inclusive Rundfahrt und auch keinen super-duper Bahnpass mit eingeschlossenen \u00dcbernachtungen samt Fr\u00fchst\u00fcck. Als wir dann gehen wollen, f\u00e4ngt der Berater an, uns als Schei\u00df Deutsche zu beschimpfen. F\u00fcr Ania sogar eine \u201edoppelte Beleidigung\u201c, wie sie anmerkt :-). Es m\u00fcsse doch in das Hirn von Schei\u00df Lehrern (nach Beruf, Familienstand und Aufenthaltsdauer in Indien wird hier immer zuerst gefragt) hinein gehen, dass es keine Zugtickets g\u00e4be. Wir machen von au\u00dfen ein Foto vom Laden und verziehen uns, als der \u201eBerater\u201c fluchend aus dem Laden gest\u00fcrmt kommt.<\/p>\n<p>10. Wir nehmen uns eine neue Rickshaw. Der Deal mit dem Fahrer ist, dass wir nur bezahlen, falls er uns direkt am Eingang zum Internationalen Tourist Bureau am Bahnhof raus l\u00e4sst. Dies sei nat\u00fcrlich kein Problem. Statt dessen h\u00e4lt er an einem anderen Geb\u00e4ude in Bahnhofsn\u00e4he und m\u00f6chte uns in ein anderes Ticketb\u00fcro lotsen, welches schlie\u00dflich auch im ersten Stock liege \ud83d\ude42 St\u00e4ndige Wiederholung f\u00fchrt zu gewissem Lernerfolg und so gehen wir einfach, ohne das B\u00fcro zu betreten.<\/p>\n<p>11. Beim dritten Anlauf lassen wir uns von niemandem mehr vom Weg abbringen. Wir schaffen es, uns bis zum Internationalen Toursit Bureau durchzufragen, wo die netten Mitarbeiter nat\u00fcrlich noch Zugticktes f\u00fcr uns buchen konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Schnitzeljagd \u2013 Die Jagd nach dem iranischen Visum<\/strong><\/p>\n<p>Die Jagd nach dem iranischen Visum begann schon vor zwei Monaten mit der Anforderung einer Best\u00e4tigungsnummer im iranischen Au\u00dfenministerium. Mit dieser magischen Nummer \u00f6ffnen sich die Tore einer vorher ausgew\u00e4hlten iranischen Botschaft, wo das Visum eigentlich nur noch abgeholt werden soll. So einfach war es dann allerdings nicht. Bevor man meinen Antrag weiter bearbeiten k\u00f6nne, brauche man erst einmal die Fingerabdr\u00fccke aller 10 Finger. Von polnischen Passbesitzern brauche man dies nicht, aber von Deutschen und anderen Europ\u00e4ern. Hallo? Grass ist nicht einmal mehr Ehrernb\u00fcrger in Danzig. Zumindest hatten wir somit die H\u00e4lfte der Kosten gespart.<\/p>\n<p>Ich musste jedenfalls zu einem Anwalt, der mich zu einer offiziellen Stelle am indischen High Court begleitete, die meine Fingerabdr\u00fccke abnahm. Die R\u00fcckseite des Formulars wurde dann noch mit zeitgen\u00f6ssischer indischer Kunst (= Stempeln in allen geometrischen Formen) versehen. Damit ging es zur\u00fcck zur Botschaft, wo uns ein Zahlungsbeleg f\u00fcr die Visa Geb\u00fchr in die Hand gedr\u00fcckt wurde. Mit diesem sollten wir zu einer\u00a0 spezifischen Bank und das Geld in bar einzahlen. Mit einem Best\u00e4tigungsformular der Bank ging es dann zur\u00fcck zur Botschaft, wo uns ein Abholschein in die Hand gedr\u00fcckt wurde. Mit diesem konnten wir an einem anderen Tag wieder kommen, um schlie\u00dflich unsere P\u00e4sse samt Visa abzuholen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>3. Schnitzeljagd \u2013 Die Jagd nach der Turkmenischen Botschaft<\/strong><\/p>\n<p>Ziel der letzten Jagd war das Aufsp\u00fcren der turkmenischen Botschaft. Im Internet fanden wir zwar keine offizielle Webseite, aber daf\u00fcr drei unterschiedliche Adressen. Das Haus der ersten Adresse wurde gerade renoviert. Uns wurde trotzdem gleich das Tor ge\u00f6ffnet, da man uns wahrscheinlich f\u00fcr Mietinteressenten oder so etwas hielt \ud83d\ude42 Wir durften einmal durch das Haus laufen, konnten aber keinen versteckten turkmenischen Konsul finden. An der zweiten Adresse waren wir auch falsch, allerdings hatte man hier schon einmal von Turkmenistan geh\u00f6rt und best\u00e4tigte uns, dass die dritte Adresse richtig sei. Dort endlich angekommen war es f\u00fcnf nach 12, und die bis 14 Uhr dauernde Mittagspause hatte gerade begonnen \ud83d\ude41<\/p>\n<p>Der zweite Besuch war besser getimt. Zwar wurden wir nicht eingelassen, aber daf\u00fcr durften wir \u00fcber das Telefon des Pf\u00f6rtners mit einer netten Konsulin sprechen, die uns \u00fcber die weiteren Formalit\u00e4ten aufkl\u00e4rte. DasGoogeln der e-Mail Adresse, die wir zur Dokumentenlieferung erhielten, f\u00fchrte dann auch sogleich zur offiziellen Webseite der Botschaft. Warum einfach, wenn\u00b4s auch kompliziert geht. Dies w\u00e4re \u00fcbrigens auch ein toller Werbespruch f\u00fcr ganz Indien \ud83d\ude42<\/p>\n<div id=\"attachment_2086\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2086\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2086\" title=\"IMG_9440\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_9440.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"800\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_9440.jpg 600w, https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/IMG_9440-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><p id=\"caption-attachment-2086\" class=\"wp-caption-text\">Stolzer Besitzer amtlich beglaubigter Fingerabdr\u00fccke<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_2076\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2076\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2076\" title=\"IMG_9501\" src=\"http:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_9501.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_9501.jpg 800w, https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/IMG_9501-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-2076\" class=\"wp-caption-text\">Eines der vielen privaten Reiseb\u00fcros, die sich M\u00fche geben, m\u00f6glichst offiziell auszusehen. Dieses Exemplar lohnt einen Besuch f\u00fcr alle, die gerne beschimpft, beleidigt und \u00fcber den Tisch gezogen werden \ud83d\ude42<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In vier Tagen Delhi haben wir keine einzige Sehensw\u00fcrdigkeit n\u00e4her zu Gesicht bekommen. Statt dessen waren wir per Rickshaw auf Schnitzeljagd, oder besser gesagt auf drei Schnitzeljagden. 1. Schnitzeljagd \u2013 Die Jagd nach dem Zugticket Man k\u00f6nnte geneigt sein, uns &hellip; <a href=\"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/2012\/05\/01\/schnitzeljagd-in-delhi\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[15],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2075"}],"collection":[{"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2075"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2075\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3117,"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2075\/revisions\/3117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2075"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2075"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/there-and-back-again.eu\/deutsch\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2075"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}