Das Taxi als Hölle – Von Bischkek über Arslanbob nach Osch

Beim Fehlen staatlicher Koordination sind die Menschen auf sich selber angewiesen. So auch im öffentlichen Nahverkehr in Kirgisistan, der einzig aus ein paar wenigen Nachtbussen besteht. Man hilft sich mit Sammeltaxis aus, die so lange an verschiedenen Punkten in jeder Stadt stehen, bis sie voll sind. Im Gegensatz zu Pakistan ist „voll“ zum Glück auf die Anzahl der tatsächlich vorhandenen Sitzplätze beschränkt und ein gut laufender Gebrauchtwagenimport aus Japan und vor allem aus Deutschland sorgt dafür, dass die Autos in ziemlich guter Verfassung sind. Selbes gilt auch für die Straße von Bischkek zur zweitgrößten kirgisischen Stadt Osch. Nach einer Stunde Wartezeit waren alle Plätze in unserem Taxi besetzt und es konnte los gehen. Noch in Bischkek rettete uns nur ein Vollbremsung davor, ein anderes Auto zu rammen, aber auch dies schien für unsere Mitreisenden kein Grund zu sein, einen Sicherheitsgurt anzulegen. Schließlich hatte man ja vor Fahrtantritt die Hände über Gesicht und Herz gleiten lassen und diese dann gefaltet. Ein typische islamische Geste, um Gott zu danken. Wenn man Gott schon vor Fahrtantritt dankt, kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Idiotische Ungläubige, die mehr in Statistiken als in Gott vertrauen 😉 Unser Fahrer legte immer nur kurzfristig einen Sicherheitsgurt um, wenn ihm entgegenkommende Autos signalisierten, dass eine Polizeikontrolle bevorstand. Den vorderen Sitzplatz und damit auch die Kontrolle über den CD- Spieler ergatterte eine Tussi, die uns 10 Stunden lang mit ohrenbetäubend lautem Pop in englischer, persischer und russischer Sprache beschallte. Die Fahrt zog sich nicht nur aufgrund der relativen Entfernung hin, sondern auch da wir ständig aus den unterschiedlichsten Gründen anhielten. Melonen kaufen, Pfirsiche kaufen, pinkeln. Dann ein Stopp zum Mittagessen. Allerdings hatte sich die Familie, die mit uns im Auto saß, in den Kopf gesetzt, Fisch zu essen, und somit stoppten wir an insgesamt fünf verschiedenen Restaurants, bis wir eines gefunden hatten, das Fisch vorrätig hatte. Alle raus aus dem Auto, rein ins Restaurant, feststellen, dass es keinen Fisch gibt (selbst in einem Restaurant mit dem Namen Forelle) und zurück ins Auto. Die verlorene Zeit wollte unser Fahrer mit erhöhter Geschwindigkeit wieder aufholen, was dazu führte, dass wir beinahe mit 140 km/h in einen wendenden Lada rasten. Ein weiterer Grund um anzuhalten, auszusteigen und den Fahrer zehn Minuten lang anzuschreien, um anschließend die verlorene Zeit mit überhöhter Geschwindigkeit wieder aufzuholen. Dann noch ein kurzer Badestopp an einem See, wobei das Auto unbedingt bis zur Wasserkante gefahren werden musste und beinahe im Sand stecken blieb. Der Strand war gut mit jungen, betrunkenen Männern belegt, die zunächst mich als Fotomotiv auserkoren. Nachdem ich Fotos mit 20 Leuten gemacht und Tipps für den Ausgang der nächsten Spiele bei der Europameisterschaft abgegeben hatte, konnte ich mich wieder ins Auto retten. Die Jungs entdeckten dann die leicht bekleidete Tussi in unserem Auto, die sogleich als Fotomotiv aus dem Auto gezerrt wurde. Da die Situation gerade begann etwas unangenehm zu werden, traf es sich gut, dass unser Fahrer mit Schwimmen fertig war. In Unterhose sprang er zurück ins Auto, um, man ahnt es schon, die verlorene Zeit mit halsbrecherischer Geschwindigkeit wieder aufzuholen.

Badepause

Nach 10 Stunden erreichten wir doch noch Bazar Kordon, von wo leider kein Minibus mehr in Richtung Arslanbob fuhr. Es ging dann per Anhalter mit zwei Polizisten weiter, die zwar in Arslanbob wohnten, aber noch nie etwas von Homestays oder Gemeinde-basiertem Tourismus gehört hatten. Da es mittlerweile dunkel war, wurden wir in einem alten sowjetischen Ferienlager abgesetzt, das sich trotz seines erbärmlichen Zustandes größerer Beliebtheit erfreute. Diese Beliebtheit lässt sich wahrscheinlich auf die Disco zurückführen, die uns bis tief in die Nacht mit lautem Gedröhne unterhielt. Krigisen scheinen nicht wegen des weltgrößten Walnusswaldes nach Arslanbob zu kommen, sondern eher wegen der Ballermann Partystimmung in den Sowjetcamps. Wenigstens hat dieses Sowjetcamp nun das Intourist Hotel in Gori, der georgischen Geburtsstadt Stalins, vom ersten Platz der widerlichsten Unterkünfte, in der wir je eine Nacht verbrachten, verdrängt.

Der Schritt vom asiatischen Hockkloh zum europäischen Thron ist nicht immer ein zivilisatorischer Meilenstein.

Eine Nacht war allerdings auch genug und am nächsten Tag ging es in ein gemütliches Homestay bei einer russisch-usbekischen Familie. In Arslanbob sind über 90 % der Menschen ethnische Usbeken und sprechen in der Familie auch Usbekisch. Eine Tatsache, die der Grenzziehung Stalins in den 30er Jahren geschuldet ist, die wohl aus einer Wodka-Laune heraus erfolgte.

Auf dem Weg vom Sowjetcamp nach Arslanbob.

Homestay in Arslanbob

Arslanbob

Walnusswald

Alle Kinder in Arslanbob möchten gerne Fotos machen.

BMW? Mercedes? Volkswagen? Jeep? Hummer? Oder doch Ferrari? So beindruckt man den gemeinen Besucher eines Sowjetcamps.

Nach ein paar Tagen in Arslanbob mussten wir weiter in Richtung Osch, da unser Visum für Kirgisistan nur noch wenige Tage gültig war. Osch wirkt mit seinem chaotischen Verkehrsaufkommen und seinem quirligen Basar wesentlich asiatischer als der Rest Kirgisistans. Spätestens beim Versuch eine Straße zu überqueren, stellte man aber fest, dass es doch nicht so asiatisch ist. Biegt sich der Verkehr in Asien meist oft wie ein Bambushain im Wind um die Fußgänger, gibt es hier nur die Variante geradeaus. Lediglich den Schlaglöchern wird aus Rücksicht auf die Stoßdämpfer ausgewichen. Beim besten Willen kann Osch nicht als schön bezeichnet werden. Lediglich die bunt gemischte Bevölkerung aus Kirgisen, Usbeken und Russen macht die Stadt im gewissen Sinne interessant, und auch ein im Zentrum hervorragender Berg, der Thron Salomons, gibt der Stadt etwas Eigenartiges. Ansonsten ist Osch trostlose Peripherie Kirgisistans, was auch an den zunehmenden Stromausfällen abzulesen war, die von zwei bis zwölf Stunden dauerten.

In unserem Gästehaus, einer einfachen Wohnung in einem hässlichen Wohnsilo, arbeiteten ein junger Germanist sowie ein junger Englischlehrer. Der Englischlehrer verdiente als Lehrer zwar lediglich hundert Dollar im Monat und bekommt als Angestellter im Gästehaus wesentlich mehr. Auch in Kirgisistan scheinen Humanisten auf dem Arbeitsmarkt nicht sehr begehrt 🙂

Wohnblock in Osch

 

Basar in Osch

 

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