Im Königreich Hunza

Sind wir eigentlich noch in Pakistan? Hier steht plötzlich richtiges Bier in den Schaufenstern und auch die ein oder andere Flasche „Wein”, die aufgrund ihrer Umdrehungszahl wohl eher als Schnaps bezeichnet werden sollte. Und dann sind da auch die Frauen, die nicht immer ein Kopftuch tragen oder dieses nur locker umgeworfen haben. Dabei hatten wir im nur 90 Kilometer entfernten Gilgit fast gar keine Frauen auf der Straße angetroffen. Sind wir also noch in Pakistan? Die Antwort lautet wohl Jein.

Wir sind im ehemaligen Königreich Hunza, das bis 1974 von einem König (hier Mir genannt) regiert wurde und nur auf dem Papier zu Pakistan gehörte. Einst schlängelten sich entlang dieser abgelegenen Täler viele solcher kleinen Königreiche aneinander. Mit dem Bau des Karakoram Highways in den 70er Jahre dehnte die Regierung in Islamabad ihren Einfluss nach Norden aus und entmachtete den König von Hunza. Die königliche Familie lebt allerdings immer noch in Karimabad und hat großen politischen Einfluss. Auch die alte Königsburg steht noch, die königliche Familie ist allerdings in ein moderneres Domizil umgezogen. Die Burg wurde angeblich nie eingenommen, zumindest bis Ende des 18. Jahrhunderts, als die Engländer auf der Türschwelle standen.

Die Engländer fassten diese neu eroberten Gebiete, die entlang des heutigen Karakoram Highways liegen, mit den östlichen Bergregionen zur Provinz Jammu und Kashmir zusammen und stellten diese unter die Verwaltung eines hinduistischen Maharaja, der über eine weitgehend moslemische Bevölkerung regierte. Als es 1947 zur Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft und zur Teilung des Subkontinents in Indien und Pakistan kam, wollte der regierende Maharaja gerne einen unabhängigen Staat gründen. In Gilgit kam es daraufhin zum Aufstand eines moslemischen Regiments, woraufhin der Maharaja wiederum sich entschloss, Indien beizutreten, um militärischen Beistand zu erhalten. Dies führte zum ersten pakistanisch-indischen Krieg, der zur Teilung der Provinz führte. Da beide Seiten scheinbar Spaß daran haben, ihre Soldaten in Stellungen auf 6000 m Höhe erfrieren zu lassen und Gletscher mit Artillerie zu beschießen, ist der Konflikt bis heute nicht gelöst. Als Pakistan in den 70er Jahren die Region um Gilgit und Karimabad durch den Karakoram Highway erschloss und den König von Hunza entmachtete, wurde keine Provinz gegründet, da die Gründung einer Provinz nach pakistanischer Sichtweise den Status quo festschreiben würde. Das Gebiet wird daher nur Northern Areas genannt und genießt größere Unabhängigkeit. So werden beispielsweise auch keine direkten Steuern erhoben.

Eine weitere Besonderheit des ehemaligen Königreichs Hunza mit seiner „Hauptstadt” Karimabad (Baltit) macht die Bevölkerung aus, die fast ausschließlich der islamischen Sekte der Ismailiten angehört. Ismailiten kennen keine Moscheen im klassischen Sinne, sondern Gemeinschaftshallen, die zumindest in Hunza oft an ihren blinkenden „Weihnachtsgirlanden”Dekorationen erkennbar sind. Die Ismailiten in Hunza genießen den Ruf, sehr liberal zu sein, was viele Pakistaner aus anderen Landesteilen sehr schätzen, die hier ihren Sommerurlaub verbringen. Wir lernen eine pakistanische Expedition kennen, die vor der Besteigung eines 7000 Meter hohen Gipfels ein paar Tage in Karimabad verbringt, um das Leben mit legal erworbenem Bier und Wein zu genießen. Die Menschen in Hunza erscheinen auch wie eine faszinierende Mischung unterschiedlicher Einflüsse. Man findet hier plötzlich Menschen mit blauen Augen oder roten Haaren. Viele Einheimische führen dies auf den Einfluss Alexander des Großen zurück, der auch bis nach Pakistan vordrang. Ansonsten findet man leider auch hier die weit verbreitete Bewunderung Hitlers, schließlich habe Hitler ja den zweiten Weltkrieg gewonnen :-) Ein Teilnehmer der Expedition , den wir in Karimabad kennenlernten, zeigte uns ein Foto, das er auf dem Karakoram Highway aufgenommen hatte. Ein LKW, dessen Heck mit einem riesigen Portrait Hitlers verziert war und die Aufschrift “Kein Risiko – kein Gewinn” trug. Unwissenheit schützt wohl nicht vor Beschränktheit.

Auf unserer Tour durch die Königsburg in Karimabad erzählt uns der Fremdenführer stolz, dass der oberste Imam der Ismailiten, Aga Khan IV, Sohn der Hollywood Schauspielerin Rita Hayworth sei. Dies stellte sich bei einer wikipedia Recherche zwar als falsch heraus, aber zumindest war sein Vater auch mal mit Rita Hayworth verheiratet, und somit hat der 49. Imam der Ismaeliten zumindest eine Halbschwester, deren Mutter Rita Hayworth ist. Auch nicht schlecht. Aber wäre schon irgendwie lustiger, wenn wir hier behaupten könnten, dass ein Bild des Sohns von Rita Hayworth in fast jedem Haushalt in Karimabad hängt. Damn you wikipedia :-)

Zum Schluss noch ein Buchtipp, den wir hier erhalten haben und auch euch nicht vorenthalten wollen: “Eine Kiste explodierender Mangos” von Mohammed Hanif.

Der Minivan, der eigentlich nach Minapin fahren sollte, setzte uns lediglich an der Abzweigung nach Minapin ab. Der Gesichtsausdruck zeigt, was Ania von dem bevorstehenden sieben Kilometer langen Fußweg hält.

Zum Glück fanden wir eine Mitfahrgelegenheit, und nach der ersten Kirschenernte im Garten des Hotels stieg die Stimmung beträchtlich.

 

Frühstück am nächsten Morgen vor dem Aufstieg zum Rakaposhi Base Camp

Nach den ersten Kilometern bot sich ein schöner Ausblick auf das grüne Dorf Minapin

Eine noch verlassene Schäfer-Sommersiedlung

Nachtlager in Hapakun, das in ein paar Wochen von Kühen, Schafen und Ziegen bevölkert sein wird.

Da uns jemand in die falsche Richtung schickte und wir eine falsche Bergflanke erkletterten, schafften wir es leider nicht bis zum Base Camp. Vom falschen Weg gab es trotzdem einen ganz netten Blick auf den Rakaposhi.

Minapin Gletscher

Die Burg des Königreichs Hunza in Karimabad (Baltit)

Geschäft in Karimabad, das eventuell half, Osama Bin Laden zu fassen.

Blick von Karimabad

Diran Gipfel, den wir eigentlich vom Rakaposhi Base Camp aus sehen wollten, das wir nie erreichten. Von Karimabad bot sich jedenfalls ein einfacher zu erreichender Ausblick.

Gassen in Karimabad

 

Uneinnehmbare Rückseite der Burg

Auf dem Weg zur Ultar Alm. Eine Bilderserie für Oma :-) ...

Ultar Alm 800 Meter über Karimabad

 

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2 Antworten auf Im Königreich Hunza

  1. Eva sagt:

    Grüezi Anja und Reisepartner,

    endlich ein Reisebericht über Hunza!
    Danke, auch für de schönen Bilder!
    Wie schätzt Ihr nach Eurem Besuch den Mythos “Hunza, das Land ohne Krankheit” ein? Wie steht es um die Sicherheit für Individualreisende?
    Würde mich sehr über eine Antwort freuen!
    Grüsse aus Graubünden
    Eva Schornbaum-Pleyer
    http://www.intercultural-education.ch

    • Dominik sagt:

      Hallo Eva,
      ehrlich gesagt, hatte ich zuvor noch nie etwas über den Mythos “Hunza, das Land ohne Krankheit” gehört :-) Wir haben nur erfahren, dass der Lebensstandard in früheren Jahrhunderten aufgrund der extremen Lebensbedingungen sehr niedrig war, und dass die vielen lokalen Konflikte (die vielen Herrschaftsgebiete waren winzig und sich meist niecht friedlich gesonnen) ihr übriges dazu beigetragenn haben, das Leben zu erschweren.

      Sicherheit ist immer subjektiv. Wir haben uns jedenfalls sehr sicher und willkommen gefühlt.

      Liebe Grüße
      Dominik

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