Als Couchsurfer im Indien der gehobenen Mittelschicht

Nach sechsstündigem Flug von Kiew mit Aerosvit Airlines, an Bord einer von Condor ausrangierten Boeing 767, die etwas nach altem Bus roch, landeten wir sicher in Neu Delhi. Am Flughafen rollten wir zunächst unsere Campingmatten aus, um noch ein bisschen zu schlafen, da wir unseren Couchsurfing-Gastgeber nicht mitten in der Nacht aus de Bett holen wollten. Nach ein paar Stunden Schlaf in einer ruhigen Ecke des Flughafens unter den Blicken der Flughafenpolizei ging es dann in die Wohnung unseres Gastgebers, Ajay, der uns mit süßem indischem Milchtee und einem leckeren Frühstück empfing. Zwar waren wir durch die letzten Wochen, die wir zu Hause verbrachten, durchaus verwöhnt, aber hier wurden wir in den letzten Tagen derart umsorgt und durchgefüttert, so dass kein Unterschied zu erkennen war 🙂 Ajay vollbrachte es mit seinen Kochkünsten sogar, mich zu einem wahren Fan der indischen Küche zu machen. Ein Ergebnis, das ich eigentlich aufgrund der Erfahrungen während meines letzten Indienaufenthalts (schneller wieder draußen als drinnen) für unmöglich gehalten hätte. Aber Ajays Kochkünste wie auch die Kochkünste seiner Schwester und das Essen auf der Hochzeit, die wir mit Ajay besuchen konnten, waren einfach umwerfend. Das Beste dabei ist, dass man nicht mal das Fleisch vermisst, da der Geschmack, anders als bei den meisten mitteleuropäischen Gerichten, nicht auf Fleisch beruht. Aber genug vom Essen, schließlich müssen wir uns die nächsten Tage wieder in Touristenrestaurants ernähren, was nicht immer so lecker sein dürfte bzw andere Probleme nach sich ziehen könnte 🙂

Unser Gastgeber ist geschieden, was in Indien sehr ungewöhnlich ist, und lebt mit seinem 10jährigen Sohn in Delhi. Nach seiner Scheidung musste er das Haus in seiner Heimatstadt Rohtak verkaufen, da es sonst seiner Frau zugefallen wäre, und ist nach Delhi gezogen. Ajay gehört einer noblen Familie an, die wiederum zur indischen Kriegerkaste gehört. Drei seiner vier Geschwister leben in der Heimatstadt der Familie in der gleichen Straße, in der auch schon die Eltern lebten. Die Straße ist sogar nach deren Vater benannt, da dieser als Freiheitskämpfer an der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 mitwirkte. Wohl aufgrund der Kastenzugehörigkeit bekleiden alle Familienmitglieder höhere Ämter in Armee, Polizei, Bildungswesen und öffentlicher Verwaltung. Wir verbrachten mit Ajay zwei Tage in Rohtak, wo wir mit ihm viele Verwandte und Freunde besuchten, die uns alle wahnsinnig freundlich aufnahmen.  Fast jede Familie verfügte über mindestens einen jungen, männlichen Hausangestellten, der die Hausarbeit erledigte und die Gäste mit Tee und Snacks versorgte.

In den meisten Familien, die wir besuchten, leben die Söhne mit ihren Ehefrauen im Haus der Eltern und die Familien betonten, wie wichtig ihnen die Familie sei. In Indien würde man lieber auf Jobchancen verzichten, als die Familie auseinander zu reißen. Eine Lebensweise, die so wohl nur für manche Schichten der Gesellschaft mit Jobs im öffentlichen Dienst möglich ist. Viel wird auch in die Bildung der Kinder investiert, die als absolut wichtig angesehen wird. Ajays Sohn besucht eine sehr moderne Privatschule, hat nachmittags Privatunterricht und zweimal wöchentlich E-Gitarrenunterricht.

Highlight war der Besuch der Hochzeitsfeier einer Tochter der Cousine unseres Gastgebers (oder so ähnlich :-)). Die Hochzeit war wirklich beeindruckend, in wesentlichen Teilen aber ganz anders; als wir sie uns vorgestellt hatten, bzw ganz anders als indische Hochzeiten in Filmen dargestellt werden.

Eine indische Hochzeit zieht sich über drei Tage. Am ersten Tag finden Zeremonien im Kreis der weiblichen Familienangehörigen statt, am zweiten Tag richtet die Familie der Braut eine große Feier aus, und am dritten Tag richtet die Familie des Bräutigams eine kleine Feier für die Familie des Bräutigams aus. Haupttag ist der zweite Tag, dem auch wir beiwohnten.

Gegen 20 Uhr gingen wir zur Hochzeit, die eher wie ein kleines Festival wirkte. Ein Gelände größer als ein Fußballplatz war mit bunten Tüchern abgegrenzt, komplett mit Teppichen ausgelegt und durch Flutlicht erhellt. Der Strom wurde von riesigen Dieselgeneratoren bereitgestellt, deren Lärm im Inneren des Geländes nur durch die Musik übertönt wurde. Wir betraten das Festivalgelände durch ein großes Tor, wo wir durch einen Vertreter der Familie begrüßt wurden. Mehrere Fotografen machten Fotos und ein Kameramann filmte die Ankunft der Gäste. Die Videobilder wurden dabei live auf mehreren Flachbildschirmen, die auf dem Festivalgelände verteilt waren, übertragen.

In der Mitte des Geländes befanden sich einige Pavillons, und in der rechten Hälfte des Geländes reihte sich eine Schlange nicht enden wollender Essensstände aneinander. An mehreren Backstationen wurde dazu fortwährend frisches Brot gebacken . Auf der linken Seite des Geländes befand sich eine kleine Tanzfläche, auf der nur die Kinder tanzten, und eine große Bühne. Einige Gäste trugen zur Dekoration Pistolen am Gürtel oder hatten Gewehre umgehängt. Auch Ajay hatte mir angeboten, sein Gewehr zur Hochzeit mitzunehmen, was ich dankend ablehnte. Alkohol gab es offiziell keinen, aber nicht wenige Männer begaben sich ab und an vor das Festivalgelände, um mit Freunden ein mitgebrachtes Bier  zu trinken.

Bei unserer Ankunft waren bereits hunderte Menschen auf dem Platz, und zur Spitzenzeit gegen 21 Uhr waren es wohl an die tausend Personen. Nachdem wir eigentlich schon gegessen hatten, wurden immer wieder die Kinder losgeschickt, um neue Köstlichkeiten herbeizuschaffen, die wir doch unbedingt probieren sollten. Wir waren jedenfalls kurz vorm Platzen :-), aber es war unglaublich lecker.

Gegen 22 Uhr hatten wir uns soweit durch das Buffet gefuttert, dass niemandem mehr etwas einfiel, was wir noch unbedingt probieren sollten. Nicht mehr durch das Essen abgelenkt, stellten wir verwundert fest, dass es bereits wieder leerer wurde. Viele Gäste verließen die Feier bereits, obwohl das Brautpaar noch gar nicht angekommen war und die eigentliche Zeremonie noch gar nicht begonnen hatte. Selbst auf der Tanzfläche waren weiterhin lediglich die Kinder zu sichten. Glücklicherweise hatten wir Ajay dabei, der uns diese Mysterien erklären konnte. Tanzen sei nämlich erst erlaubt, wenn der Bräutigam das Hochzeitsgelände erreiche. Vorher dürfen nur die männlichen Angehörigen des Bräutigams tanzen, die vor dem Festivalgelände tanzend auf die Ankunft des Bräutigam warten, der per Pferd vom Elternhaus zum Hochzeitsgelände reitet. Die meisten Gäste würden bereits nach dem Essen gehen, da die Zeremonie selber nicht sehr spannend sei. Da wir allerdings zum ersten Mal auf einer indischen Hochzeit waren, würden wir noch ein bisschen bleiben, um die Zeremonie zu beobachten. Und tatsächlich zeigten die Flachbildschirme  kurze Zeit später die Ankunft der Braut, die zur Bühne geführt wurde und darauf folgend die Ankunft des Bräutigams. Beide gingen dann auf die Bühne, wo sich das Paar zum ersten Mal offiziell traf. Diese Hochzeit war nämlich, wie die meisten indischen Hochzeiten, durch die Eltern arrangiert. Die Eltern legen dabei das Hauptaugenmerk auf die richtige Kastenzugehörigkeit der zukünftigen Ehepartner. Das Hochzeitsgeschenk der Brauteltern für die Familie des Bräutigams, ein weißer Kleinwagen, stand dabei direkt neben der Bühne, auf der das Paar für die nächste Stunde im Blitzlichtgewitter versank. Jetzt durfte auch offiziell getanzt werden, aber auf der Tanzfläche war nicht wirklich was los. Von wegen, alle Inder tanzen den ganzen Tag 😉

Gegen kurz nach 23 Uhr zog das Paar dann in ein kleines Haus neben dem Festivalgelände um, wo die eigentlich Zeremonie stattfand, der allerdings nur sehr wenige Gäste beiwohnten. Ein Mönch sang und das Paar war nach siebenmaliger Umrundung eines kleinen zeremoniellen Feuers offiziell verheiratet. Wir verließen die Feier während dieser Zeremonie vor Mitternacht, da es wirklich nicht sehr spannend war und die gesamte Feier kurz nach Mitternacht enden sollte.

Alles in allem ein spannender schöner Abend, der so ganz anders war, als wir ihn uns vorgestellt hatten. Aus Perspektive des Brautpaares ist es allerdings keine entspannte Feier, was man an den Gesichtsausdrücken ablesen konnte. Nicht mal vom Buffet haben sie was abbekommen 😉

 

Im Flugzeug

Nachtquartier im Flughafen

Die Haushälterin zeigt Ania, wie man Chapati macht.

Abendliches Uno spielen mit unseren Gastgebern

Cricket

Vorbereitung für die Hochzeit

 

Auf der Hochzeit mit Kulfi Eis.

Naan Backstation

viele Gruppenfotos

Ankunft des Bräutigams

Braut und Bräutigam

Religiöse Hochzeitszeremonie mit einem rituellen Feuer in der Mitte

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3 Antworten auf Als Couchsurfer im Indien der gehobenen Mittelschicht

  1. jehona sagt:

    Ania, you look gorgeous in Sari 🙂 I adore these pictures, so colorful and cheerful but of course the story as well..It’s such a pity that I can’t understand Polish to get your perspective Ania…Well, Domi you’re definitely a great writer 🙂

    Greetings from Prishtina.

  2. Adrian sagt:

    Moment, das heißt ihr wart auch in keinem sing&tanz Battle? :-O

    Indien, was ist nur mit dir passiert?!

    Alles Gute euch Entdeckern!

  3. Andrea sagt:

    schön, dass ihr wieder unterwegs seid! ich verfolge euren blog seit ein paar wochen und bin total begeistert 🙂 hab bis jetzt noch keinen „ebenbürtigen“ blog gefunden.
    viele grüße